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Kita aktuell NRW
Nr.6/2002, S.124 Es ist schon erstaunlich. Im Zusammenhang mit einer pädagogischen Institution (Schule) beginnt eine Diskussion über eine "Kultur des Hinsehens". Und niemand spricht über Tageseinrichtungen für Kinder. Das war bei der PISA-Diskussion noch anders. Dort wurde die Qualität der Arbeit von Tageseinrichtungen für Kinder wegen der Schulleistungen 15-jähriger infrage gestellt. Dabei wurde noch nicht einmal untersucht, wie viele dieser 15-jährigen überhaupt einen Kindergarten besucht hatten. Das hätte interessiert. Vor allem mit der Zuordnung zu den Leistungsbereichen. Vielleicht waren ja alle Jugendlichen, die gut und besser abgeschnitten hatten, vorher im Kindergarten und die, die besonders schlecht abgeschnitten hatten, nicht. Diese Spekulationen konnte man nirgends lesen. Es war einfacher, dem Kindergarten eine Mitschuld am Bildungsdesaster zu geben. Die Eltern des jungen 19-jährigen Mörders sagen, "wir waren eine ganz normale Familie". Aber sie sagen nicht, was eine "ganz normale Familie" in ihren Augen darstellt. Wir wissen bisher wenig darüber, wie sich der Alltag in dieser Familie gestaltete. Aber wir ahnen (und manches ist inzwischen bekannt), dass über vieles in dieser Familie nicht gesprochen wurde. Der Schulverweis wurde in der Familie nicht zum Thema gemacht. Wut und Zorn auf Lehrer wurden in der Familie nicht ausgesprochen. "Wir kannten unseren Sohn anders", sagen die Eltern. Man möchte ihnen zurufen: "Sprecht über diese andere Seite, sagt wie euer Sohn auch war, wie ihr ihn kanntet". Wir alle möchten ein wenig mehr verstehen, wie so etwas geschehen konnte, wie ein Mensch eine solche Entscheidung zum Massenmord treffen konnte. Das interessiert in hohem Maße alle, die mit Kindern tagtäglich arbeiten - auch Mitarbeiterinnen in Tageseinrichtungen für Kinder. In einer wichtigen Lebensphase einer ersten Ausbildung sozialer Kompetenzen, des Erlernens von Regeln, des Einhaltens von Grenzen, der Vergewisserung von Werten und Normen ist z.B. jede Mitarbeiterin in einer Tageseinrichtung für Kinder von außerordentlich wichtiger Bedeutung. Natürlich auch die Eltern. Bei kompetenten Erzieherinnen ist die Erziehung von Kindern ein Wechselprozess zwischen Elternhaus und Einrichtung. Das Verhalten der Kinder wird zum Thema gemacht, Elterngespräche werden geführt, die Verbindung zu Beratungsstellen hergestellt. Die Zeit des Aufwachsens zwischen 3 und 6 Jahren soll genutzt werden - auch von Eltern. Ob die Ausbildung für ein solches präventives Denken die Voraussetzungen schafft oder ob es nach wie vor von der Selbst-Bildung von Erzieherinnen abhängt, wie weit solche gemeinsamen Prozesse zwischen Erzieherinnen und Eltern gelingen, ist ein anderes Thema. Nur soviel: Die Politik gibt der Prävention im Rahmen des gesetzlichen Auftrages nach § 16 KJHG zu wenig Aufmerksamkeit. Wäre es anders, gäbe es keine Gruppen mit 25 Kindern und mehr, gäbe es nicht "Ergänzungskräfte", die vielleicht einmal Verwaltungsmitarbeiterinnen oder Arzthelferinnen waren, sondern mehr ausgebildete Kräfte auf dem Ausbildungsniveau von Sozialpädagoginnen oder Lehrerinnen und es gäbe ausreichend Verfügungszeit für diese wichtige Zusammenarbeit mit Eltern. "Wir waren eine ganz normale Familie". Jede Mitarbeiterin in einer Tageseinrichtung für Kinder beginnt sofort mit all ihrer tagtäglichen Berufserfahrung an die vielen Familien zu denken, die ihre Einrichtung besuchen. "Norm-al". Eine Norm für Familien gibt es überhaupt nicht mehr. Spätestens seit Beck/Beck-Gernsheims "Das ganz normale Chaos der Liebe" wissen wir, "normal" ist, dass es jeder anders macht. Die "Individualisierung von Lebenslagen" bestimmt das Bild von Familien heute. Und dennoch hat jede Erzieherin ein Bild oder mehrere Bilder von "normalen Familien" vor Augen. Ein prägendes Bild - aber sicher nicht das einzige - sind die vielen Kinder, die sozial und beziehungsmäßig vernachlässigt sind. Es sind nicht wenige Kinder, die nur in der Tageseinrichtung für Kinder eine warme Mahlzeit bekommen. Viele Stunden sitzen Kinder vor dem Fernseher - vor allem oftmals auch am Abend. Das "Montagssyndrom" der unruhigen, zappeligen Kinder ist nur ein Phänomen, das dies verdeutlicht. Viele Kinder - ja auch im Kindergarten - sitzen viele Stunden vor dem Computer und ballern sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Spiel nach dem anderen rein. Es ist eine extreme "Innenweltverschmutzung", denen viele Kinder ausgesetzt sind. Es gäbe unendlich viele andere Beispiele und Erfahrungen, die Erzieherinnen erzählen könnten, wenn man sie denn fragen würde. Aber dies will ja niemand so genau wissen. Und dies wird auch nicht genauer untersucht und dokumentiert, bei den wenigen Wissenschaftlern, die sich mit dem vorschulischen Bereich beschäftigen. Dabei wäre der Bereich der Tageseinrichtung für Kinder ein wunderbarer Ort für "Familienarbeit", ein Ort zur Unterstützung und Beratung von Familien, ein äußerst kompetenter Ort für ein "Frühwarnsystem". Es müssen nicht die Erzieherinnen sein, die alles machen, aber sie können besser als jede andere Institution aufmerksam machen, wo etwas im Argen liegt, wo Kinder seelisch vernachlässigt oder gar körperlich bedroht werden, wo Familien wenig miteinander sprechen, wo Kinder bereits Defizite entwickelt haben, die der Veränderung bedürfen. Was wäre die Tageseinrichtung für Kinder für ein kompetenter Ort, wenn dort zu den Erzieher/-innen, Psycholog/-innen, Sozialpädagog/-innen und Sozialarbeiter/-innen, Künstler/-innen, Biolog/-innen, Handwerker/-innen, natürlich Frauen und Männer jeder Profession, tätig wären. Dieses Netz wohlwollender kompetenter Unterstützung würde unsere Gesellschaft verändern. Und: Es wäre gar nicht so viel teurer, denn ein kreativer Ressourcenansatz hätte Umverteilung und nicht Mehraufwand zur Folge. Hinzu käme, dass es eine faire Berechnung der Kosten geben müsste - nicht über eine Wahlperiode eines Politikers von fünf Jahren hinweg, sondern im Rahmen einer Generation von etwa 15 - 20 Jahren. Nur wer hat die menschliche und politische Größe, dies anzugehen? Vielleicht hätte dies alles die Morde in Erfurt nicht verhindert. Aber das "gesellschaftliche Gewissen" wäre etwas gestärkter, weil man wüsste, dass man früh begonnen hatte, Familien zu unterstützen (und dies natürlich im Lebenszusammenhang von Schule fortgesetzt hat). Es ist auch richtig, dass die Gesellschaft nicht die Aufgabe der Familie ersetzen kann. Aber noch einmal: Erzieherinnen können berichten, wie es um diese "Erziehungskompetenz" bestellt ist. Sie liegt vielfach danieder. Wir können dies bedauern. Verändern können wir es aber nicht mit Appellen, sondern nur mit vielfältiger Unterstützung. Dafür sind Tageseinrichtungen für Kinder der richtige Ort zur richtigen Zeit. O. Jomaine |