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Wo führt das alles noch hin??
Jugendministerin Birgit Fischer auf der Bildungsmesse
In: Kita aktuell NRW 05/2002, S. 115-116.

Am 21.02.02 diskutierte die Jugendministerin Fischer auf der Bildungsmesse in Köln zum Thema "PISA" 1 mit der (Fach-)Öffentlichkeit. Prof. Dr. Gerd E. Schäfer referierte zum Thema "Bildung beginnt vor der Schule"2. Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem Didacta-Verband statt. Mehr als 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen teil. In diesem Beitrag sind verschiedene Diskussionspunkte aus der Veranstaltung zusammengestellt und abschließend mit politischen Entscheidungen aus jüngster Zeit verknüpft.

Kernpunkte eines neuen Bildungskonzeptes

Ministerin Fischer stellte die Kernpunkte zukünftigen politischen Handelns als Antwort auf PISA vor.

  • Es sollen alle Chancen zu einer Verbesserung der vorschulischen Erziehung und Bildung genutzt werden vor allem durch den - weiterhin freiwilligen - dreijährigen Besuch des Kindergartens. Ein "Pflichtjahr" vor Schulbeginn hält die Ministerin für wenig sinnvoll, weil nicht das letzte Jahr, sondern die gesamte möglichst dreijährige Kindergartenzeit für die Entwicklung der Kinder zur Schulreife erforderlich sei. Zudem besuchen fast alle Kinder den Kindergarten, bevor sie in die Schule kommen. Ein "Pflichtjahr" steht vor allem deshalb außerhalb jeder Diskussion, weil dies ca. 1/3 weniger Elternbeitragseinnahmen für die Kommunen zur Folge hätte. Dies erscheint z.Zt. noch unbezahlbar.
  • Sozialen Benachteiligungen soll bereits im Kindergarten entgegengewirkt werden. Ein Schwerpunkt wird dabei auf Sprachförderung von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache liegen. Hierzu wird es zusätzliche Mittel des Ministeriums geben. Die Tageseinrichtung für Kinder soll ein Frühwarnsystem werden, das Benachteiligungen frühzeitig erkennt und Unterstützungen für Kinder und Familien bereit hält.
  • Die Verzahnung von Tageseinrichtung und Schule soll verbessert werden, z.B. durch Austausch zwischen Erziehungs- und Lehrkräften zwischen beiden Bereichen
  • Das tatsächliche durchschnittliche Einschulungsalters von 6,6 Jahren soll herabgesetzt werden.
  • Die Qualifizierung der Erzieherinnen für vorschulische Bildung soll verstärkt werden.
  • Elternbeteiligung in der Tageseinrichtung soll mehr gefördert werden.
  • Bildung und Erziehung soll zu einem eigenständigen fachpolitischen Thema gemacht werden.

Verbindliche Leitlinien

Bis hierher hatte die Ministerin vieles zusammengestellt, was bereits vor PISA diskutiert worden ist. Dann kam sie zu dem Thema "Verbindliche Leitlinien für Bildung und Erziehung in Kindergärten in NRW". Aber gerade zu dieser strukturellen Veränderung sagte sie wenig. Von einem "Bildungsplan" war die Rede, aber das nahm sie in der anschließenden Presseerklärung wieder etwas zurück: "Ich will den Kindergarten nicht verschulen. Aber ich will, dass alle Kinder die Möglichkeit haben, das Lernen zu lernen. Kinder sollen mit dem besten Rüstzeug für Schule und lebenslanges Lernen ausgestattet werden: mit Neugier, Spaß am Lernen, guten Sprachkenntnissen, mit Sozialkompetenz, mit Freude an Sport und Bewegung. Damit dies für jedes Kind entsprechend seiner persönlichen Entwicklung gelinge, müssen künftig die Bildungsziele und -instrumente genau beschrieben werden." 3
Die Träger der Kindergärten sollen ebenso wie die Familien-, Erzieherinnen- und Elternverbände an der Entwicklung von Leitlinien beteiligt werden.

In der anschließenden Aussprache wurde an diesen Überlegungen Kritik geübt. So wurde eine unabhängige Institution gefordert, die Standards und Leitlinien überprüft und zwar völlig unabhängig von Trägerinteressen und von Haushaltslagen. Die Ministerin nahm hierzu nicht weiter Stellung.

Mit einer grundsätzlichen Bemerkung löste sie allerdings erheblichen Protest im Publikum aus. Es solle nicht über Geld, sondern über neue Konzepte diskutiert werden, so die Ministerin.

Belastung von Erzieherinnen in den Blick nehmen

Verbandsvertreter, Vertreter von Erzieherinnenverbänden und von Gewerkschaften wiesen auf die vielfältigen Leistungen und Belastungen von Erzieherinnen hin. Viele Erzieherinnen versuchen, als Mütter Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Sie sorgen sich bei zurückgehenden Kinderzahlen um ihren Arbeitsplatz. Sie bemühen sich unermüdlich um Lösungen für die vielfältigen Probleme von Eltern, mit denen sie täglich konfrontiert sind. Sie sind nach der Arbeitsverdichtung durch Nachmittagstabelle, Aufnahme anderer Altersgruppen, Erprobungen, Qualitätsmanagement-Ansprüchen, Konzeptveränderungen wie Öffnung zum Stadtteil, Sprachförderung, Prävention von Lese-Rechtschreib-Schwäche, Aufnahme von Schulkindern usw. usw. vielfach am Ende ihrer Kräfte. Viele, die täglich die Kinder unterstützen, ermutigen, fördern, begleiten, sind müde und erschöpft.4 Reformen - und zwar ausschließlich Einspar-Reformen - werden seit Jahren auf dem Rücken von Erzieherinnen ausgetragen, hieß es in einem Beitrag.

Kontinuierlicher Personalabbau

In den letzten Jahren habe es, so die Ministerin, einen Ausbau im Bereich Tageseinrichtungen für Kinder gegeben. Damit hatte sie die Schaffung neuer Plätze gemeint. Aber dieser Ausbau ist zu Lasten der personellen Ausstattung gegangen.

  • Mit der Einführung der sogenannten "Nachmittagstabelle" musste vor allem im Ergänzungskraftbereich erheblich Personal abgebaut werden. Schätzungen gehen von mehreren tausend Stellen aus, die nun nicht mehr als Vollzeit-Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Etwa 200 Millionen DM konnten so eingespart werden!! (Hinzu kommt noch einmal etwa die gleiche Summe im Sachkostenbereich durch die Pauschalierung der Sachkosten!)
  • Dieser Abbau wurde ausgerechnet zu einer Zeit vorgenommen, in der die Anzahl der Über-Mittag betreuten Kinder kontinuierlich anstieg. Unabhängig von der Anzahl der Kinder (es sind immer häufiger auch 12, 14 oder 16 Kinder) werden lediglich 7,5 Stunden für diesen Zeitraum anerkannt.
  • Am gravierendsten wird der Abbau bei den "Leitungsstunden". Zeitgleich mit der Einführung der "Nachmittagstabelle" wurden auch "Erprobungen" ermöglicht. Für diese "Erprobungen" konnten 6-9 Leitungsstunden in Anrechnung gebracht werden. Aber: Gleichzeitig ist zur Finanzierung dieser Leitungsstunden die "anteilige Freistellung von Leitung bei Kindergartengruppen" vollständig weggefallen! Und durch den Wegfall von Stunden durch die "Nachmittagstabelle" ist die "implizite Freistellung" verlorengegangen, was nichts anderes heißt, als dass nachmittags die Leiterin zumindest nicht mehr in ihrer Gruppe tätig sein musste, weil das durch die anderen Kolleginnen aufgefangen wurde.
  • Nun enden die letzten Erprobungen zum 31.12.und die Leitungsstunden hierfür fallen weg. Die zusätzlichen Aufgaben sollen aber möglichst alle bleiben. Denn die Vernetzung mit dem Stadtteil, die Blocköffnungszeiten, die Spielgruppen, Aufnahme von Schulkindern, alles das sind die Dinge, die fachlich und politisch gewünscht sind.

Ein realistisches Beispiel veranschaulicht die aktuelle Wirklichkeit vieler Leitungen:

Manche Leitung einer Tageseinrichtung für Kinder deckt ohne eine einzige Leitungsstunde dieses Aufgabenspektrum ab:
3 Kindergartengruppen mit z.Zt. 81 Kindern (Zusätzliche Aufnahme von je 2 Kindern in jeder Gruppe im laufenden Kindergartenjahr);
13 Kindern ganztägig (Über-Mittag);
6 Kinder an zwei Tagen in der Woche Über-Mittag,
3 Kinder im Rahmen von integrativer Erziehung
20 Schulkinder in einer großen Schülertreff-Gruppe ("SiT"), die zuvor schon im Rahmen von "Grundschule von 8 - 13 Uhr" in der Tageseinrichtung betreut worden sind.
Sie hat als Gruppenleiterin die Verantwortung für bis zu 27 Kinder, deren Bildungschancen sie optimal gestalten soll, hat für bis zu 27 Eltern "Elternarbeit" zu gestalten mit immer belasteteren Familiensituationen, hat die Anleitung der Ergänzungskraft (BAT VIII / BAT VII - kommunal) vorzunehmen und trägt Verantwortung für ein Team mit 7 Mitarbeiterinnen und einer Kollegin Erzieherin für SiT, die aber neben der Tageseinrichtung für Kinder tätig ist und die meist noch von Honorarkräften unterstützt wird. Diese Leiterin soll ein professionelles Qualitätsmanagement in ihrer Tageseinrichtung für Kinder einführen, mit professionell geführten Anmeldegesprächen, mit effektiven Teamsitzungen, mit Dokumentation und Evaluation der täglichen Arbeit mit den Kindern und im Rahmen von Budgetverantwortung die Einrichtung zunehmend finanziell eigenständig führen.

Absenkung der Gruppenstärke

Die Ministerin forderte das Publikum auf, die aktuelle Diskussion um PISA als Chance für die Tageseinrichtungen für Kinder zu begreifen und sich mit eigenen Überlegungen einzubringen.

Ein konkreter Vorschlag wurde eingebracht: Mit dem prognostizierten Rückgang der Kinderzahlen um etwa 20% in den nächsten zehn Jahren könnte die Gruppenstärke stufenweise abgesenkt werden. Hierzu wäre ein Änderung der Betriebskostenverordnung (BKVO) erforderlich. 20 - 22 Kinder in jeder Gruppe wären ein erster - aber wichtiger - qualitativer Schritt zur Verbesserung der Rahmenbedingungen von Tageseinrichtungen für Kinder. Der Applaus des Publikums zeigte, dass dieser Vorschlag auf breite Zustimmung stieß.
Wie reagierte die Ministerin? Sie erklärte, dass sie in ihrer eigenen Rolle wenig Möglichkeiten habe, solche Änderungen zu beeinflussen. Aber sie signalisierte nicht, dass das ein Weg sei, der überlegenswert ist. Sie hätte zumindest die Möglichkeit, eine solche Änderung der BKVO auf den Weg zu bringen.

Weshalb die Ministerin bei diesem konkreten Vorschlag so auffällig zurückhaltend blieb, ist nach der wenig später getroffenen Entscheidung des Landeskabinetts Nordrhein-Westfalen zu finanziellen Entlastungsmöglichkeiten der Kommunen (siehe dazu die Resolution des Landesjugendhilfeaussschusses Rheinland in dieser Ausgabe) nachvollziehbar.

Die Entscheidung, dass die Gruppengröße ohne Zustimmung des Landesjugendamtes ausgeweitet (!) werden kann, zeigt nachdrücklich, dass die Finanzverantwortlichen in Nordrhein-Westfalen trotz PISA weiterhin andere Prioritäten haben. So können durchaus, wie in einem Redebeitrag festgestellt wurde, für eine neue Verkehrstechnologie (Metrorapid) Milliarden bereit gestellt werden.

Und weil die Jugendministerin in erster Linie keine Finanzverantwortung in NRW hat, sitzt sie mit allen, die in den verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit tätig sind, vielfach im gleichen Boot.

Vor diesem Hintergrund hat sie mit der Forderung nach der Entwicklung von "Leitlinien" recht. Die Arbeit von Tageseinrichtungen für Kinder ist nach wie vor zu wenig dokumentiert und evaluiert.

Auch zukünftig werden keine neuen Lehrstühle eingerichtet, es werden keine kontinuierlichen Forschungsaufträge erteilt, die die Leistungen der Tageseinrichtungen für Kinder dokumentieren und evaluieren, es wird keine Hochschulausbildung des Personals geben, Leitung soll weiterhin überwiegend so nebenher mitgemacht werden und für bis zu 30 Kinder in der Gruppe soll angesichts der Finanznöte Verständnis aufgebracht werden.

Da bleibt nur, dass Erzieherinnen sich weiter professionalisieren, indem sie lernen, zukünftig ihre Praxis regelmäßig zu dokumentieren und zu evaluieren.

Wenn Tageseinrichtungen für Kinder in der Lage sind, professionell nachzuweisen, welche Folgen die jahrelangen - im internationalen Vergleich immer peinlicheren - Einschnitte haben, dann wird es schwieriger werden, bei jeder neuen "Haushaltsnot" Tageseinrichtungen für Kinder mit noch schlechteren Standards auszustatten. Dann werden Tageseinrichtungen für Kinder auf der Grundlage von "Leitlinien" nachweisen, was sie mit den Ressourcen, die sie zur Verfügung gestellt bekommen, leisten können - und was auch nicht.

Und vielleicht werden die Finanzverantwortlichen irgendwann ein wenig verstehen, dass Zukunftsfähigkeit nicht ohne gut unterstützte und geförderte Kinder zu haben ist. Der schwedische Politiker Olof Palme hat bereits vor vielen Jahren dafür eine politische Leitlinie formuliert, die zu einem Prüfkriterium der Landesregierung werden sollte, wenn sie Leitlinien für die Tageseinrichtung für Kinder vorgeben will:

Weil Kinder unsere einzige reale Verbindung zur Zukunft sind und weil sie die Schwächsten sind, gehören sie an die erste Stelle der Gesellschaft. (Olof Palme)

Ulrich Braun

 

1 Vgl. dazu "Die internationale Schulleistungsstudie PISA 2000" in Kita aktuell NW 2/2002
2 Der Inhalt unterschied sich nicht von dem Vortrag auf dem fachpolitischen Diskurs zum Thema "Bildung beginnt vor der Schule" am 14.02.2002 in Köln. Dieser Vortrag ist abgedruckt in Kita aktuell 03/02, S. 62-66. Der Bericht zu der Veranstaltung auf der Bildungsmesse bezieht sich deshalb auf die Aussagen und das Gespräch mit Ministerin Fischer
3 www.nrw.de (NRW-Email-Verteiler, 21.02.02)
4 Dafür nur ein Beispiel. Der Vergleich verschiedener Berufsgruppen hinsichtlich psychosomatischer Beschwerden (körperliche Erkrankungen aufgrund seelischer Konflikte) zeigt eine deutlich überdurchschnittliche Erkrankungshäufigkeit bei Erzieherinnen und Erziehern mit 127% gegenüber dem Durchschnitt der berufstätigen Bevölkerung in Deutschland (= 100). (Quelle: BGW, DAK, Stand: 2001)

 

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