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In: klein & groß 06/2006, S. 56.
Glosse! Glosse!! Glosse!!! Glosse!!! Glosse!! Glosse!

"Kinder unter drei Jahren" - und ihre jeweiligen Chancen

Kinder unter drei Jahren sind groß im Kommen. Natürlich nur im übertragenden Sinn. Die, die da sind, sollen besser gefördert werden. Sagt die Bertelsmann-Stiftung und hat mit "Wach, neugierig, klug" richtig gute Materialien entwickelt. Zum Glück gibt es Stiftungen, die sich in der Frühpädagogik engagieren. Politik interessiert sich nur für "Plätze schaffen - wie auch immer". Erst ein Bundesgesetz machen, dann von anderen (den Kommunen) verlangen, dass sie die Umsetzung bezahlen und dann am besten gleichzeitig noch einsparen! So wie das Land Nordrhein-Westfalen, das schon wieder die Spardose Kindertagesstätten entdeckt hat. Aber gleichzeitig Familienzentren und mehr Plätze für Kinder unter drei Jahren programmatisch postuliert. Da bleibt die Sorge um die Jüngsten schnell auf der (Einspar-) Strecke. Außerdem geht es ja sowieso vor allem um die, die einen Arbeitsplatz haben.

Mehr Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren zur "Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Welch´ wunderbares Schlagwort für die, die einen Beruf haben. Sie sollen schnell zurück können in denselben. Die anderen, die vielen Familien an der Armutsgrenze, ohne jede Arbeit, Geringverdiener, sind die auch gemeint?

Es ist so wie mit dem "Spitzenvater des Jahres 2006", verliehen von der Mestemacher GmbH am Tag vor den Aprilscherzen 2006. Gekürt wurde ein Arzt, verantwortlich tätig als Radiologe. Seine Frau ist Professorin an einer Fachhochschule. Zusammen haben sie drei Kinder. Er ist ein Spitzenvater, weil er sich auch um die Kinder kümmert, seiner Frau auch ihre Karriere ermöglicht und wohl auch mal kocht. Wie hören das engagierte allein erziehende Spitzenväter oder Spitzenväter, die arbeitslos zuhause sitzen und den Müttern den Rücken freihalten für den Putzjob, der nicht zum Leben und zum Sterben reicht? Auch mit drei Kindern, aber chancenlos. Sagen nicht die Eltern, sagt PISA. Immer wieder neu. Preise haben alle die Eltern verdient, die mit großer Energie versuchen, dass es ihren Kindern besser geht (oder zumindest nicht schlechter) als ihnen selbst. Und das wird immer schwieriger!

Wenn "Kinder unter drei Jahren" gefördert werden sollen, dann soll vor allem von denen die Rede sein, die nicht mit gut gebildeten und berufstätigen Eltern ausgestattet sind. Kinder, deren Eltern - aus welchen Gründen auch immer - nicht die Chance bekommen, einen wirklichen Bildungszugang zu erhalten, Kinder, deren Eltern sich - aus welchen Gründen auch immer - nicht der deutschen Sprache bemächtigen, Kinder, deren Eltern - aus welchen Gründen auch immer - arm sind.
Für diese Kinder sind die ersten drei Lebensjahre genauso entscheidend für ihre gesamte Zukunft wie für jedes andere Kind. Es sind über 1000 Tage Lebenszeit vor dem Kindergarten, die mit neuen familiennahen und chancengerechten Unterstützungskonzepten gefüllt werden müssen, damit sich Chancen im Leben ergeben können!
"Wach, neugierig, klug" - das soll vor allem dort eingesetzt werden, wo es keine Elternratgeber und zu wenig Bilderbücher gibt, wo die deutsche Sprache nicht selbstverständlich ist und wo man nicht mehr glaubt, dass man im Leben auch eine Chance bekommt.

Ulrich Braun


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