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"Haus für Kinder" -Kita-Konzept der Zukunft?1
In: KiTa aktuell NW. 03/2002. S. 68-69

Bei einer Diskussion um die Öffnung und Erweiterung von Kitas werden viele unterschiedliche Fachbegriffe wie "Haus für Kinder"2, "Kinderhaus"3, "Evangelisches Familienhäuschen"4 zugrundegelegt. Hinter diesen Fachbegriffen stehen Konzepte. Andere Konzepte stehen hinter Beiträgen wie "Die Tageseinrichtung für Kinder als Frühwarnsystem"5 oder "Kita im Netzwerk"6. Die Systematisierung dieser Ansätze und Konzepte lassen zwei große Bereiche erkennen, die ihrerseits wieder Kombinationen eingehen. Aber wohin geht die Entwicklung von Tageseinrichtungen für Kinder? Ist es ein "Haus für Kinder" oder doch eher ein "Haus für Familien"?

Modelle von kombinierten Tageseinrichtungen für Kinder und von Öffnungen der Tageseinrichtung für Kinder

A. "Kinder-Kombi-Modelle"

Definition:
Kinder der Altersgruppen 0,4 Jahre - 14 Jahre begegnen sich in unterschiedlichen Gruppenformen in einer Tageseinrichtung für Kinder.

  Gruppenformen Kombinationsmodell
A 1 Kindergarten(tagesstätten)gruppen, kleine und große altersgemischte Gruppen und Horte sind miteinander kombiniert. Hinzu kommen Kinder unter 3 Jahren und Schulkinder, die nach der Budgetvereinbarung (auf der Grundlage des § 9(4) GTK) aufgenommen werden können. Kombinierte Einrichtungen nach GTK
A 2 Kombination von GTK-Gruppen nach A1 mit Gruppen der "Grundschule von 8-13 Uhr" und/oder Schülertreffs ("SiT") Kombinierte Einrichtungen nach GTK + Gruppen mit anderer öffentlicher Förderung
A 3 Kombination von GTK-Gruppen nach A1 z.B. mit Spielgruppen in Trägerschaft einer Elterninitiative für Kinder von 1-3 Jahren mit Fremdbetreuung z.B. an 2-3 Tagen; Finanzierung der Betreuung vollständig durch die Eltern Kombinierte Einrichtungen nach GTK + nicht öffentlich geförderte Gruppen
A 4 Kombination von GTK-Gruppen nach A1 mit Gruppen der Grundschule von 8-13 Uhr und/oder Schülertreffs ("SiT") und z.B. mit Spielgruppen in Trägerschaft einer Elterninitiative für Kinder von 1-3 Jahren mit Fremdbetreuung z.B. an 2-3 Tagen; Finanzierung der Betreuung vollständig durch die Eltern Kombinierte Einrichtungen nach GTK + Gruppen mit anderer öffentlicher Förderung + nicht öffentlich geförderte Gruppen

 

B. "Öffnungs-Modelle"

Definition:
Tageseinrichtungen für Kinder öffnen sich hin zu anderen Menschen und Institutionen wie der Familie oder den Nachbarn, der Familienbildung, dem Sozialraum oder Beratungsangeboten.


  Öffnung zu Institutionen und Menschen Öffnungsmodell
B 1 Angebote der Familienbildung, wie Bildungsangebote, Mutter-Kind-Kurse, Geburtsvorbereitung etc.;Vermittlung von Tagespflege Die Tageseinrichtung öffnet sich hin zu Familien
B 2 "Nachbarschaftshaus"; Geburtstage werden in der TEK gefeiert; die Außenspielfläche wird vielfältig genutzt; Bürgeranhörungen etc. Die Tageseinrichtung öffnet sich hin zu Menschen im Sozialraum
B 3 In der TEK findet Beratung des sozialen Dienstes der Jugendamtes und der Beratungsstelle für Familien statt; gemeinsames Konzept von Hort und Tagesgruppe; etc. Die Tageseinrichtung öffnet sich hin zur Jugendhilfe
B 4 Stadtteilbücherei, Frauenhilfe, Altenheim etc. Die Tageseinrichtung öffnet sich hin zu anderen Institutionen im Sozialraum



Das "Haus für Kinder" (Landschaftsverband Rheinland)

Die Anforderungen an ein "Haus für Kinder", wie sie das Landesjugendamt Rheinland beschreibt (vgl. Fußnote 2), nimmt die Breite von A 1-4 und B 1-4 auf. Die "systematische Einbeziehung von Eltern", "neue Gruppenkonstellationen" und das Haus für Kinder als "Bestandteil sozialräumlicher Infrastruktur" sind Teil eines zukünftigen Konzeptes. Als dazu erforderlichen Veränderungen werden benannt:

  • Finanzierung aus einer Hand
  • Variationen der Gruppenstärken im Jahresdurchschnitt
  • Angebotsbeschreibungen der Träger
  • Elternbefragungen zur Erhebung des Bedarfes
  • Verlässliche Unterrichtszeiten / Schule und Jugendhilfe als eine Einheit

Als Praxisbeispiel wird der "Blaue Elefant" in Essen-Katernberg (Träger: Dt. Kinderschutzbund)7 ausführlich vorgestellt, der GTK-Plätze von 3-14 Jahren mit einem pädagogischen Mittagstisch, Hausaufgabenbetreuung, Freizeitgestaltung und einem Kinder- und Jugendtreff kombiniert. Mit Therapieangeboten (Ergo-, Sprachtherapien, Psychomotorik, u.a.), einer Beratungsstelle für Kinder und Familien, der Gestaltung von Ferienzeiten, Angeboten im Bereich der Erlebnispädagogik und mit Fahrdiensten sind vor allem Angebote im Bereich B2 und B3 mit dem A-Bereich konzeptionell zusammengeführt.

Mit diesem wirklich ausgezeichneten Praxisbeispiel ist ein Orientierungsrahmen gegeben, wohin sich eine Tageseinrichtung für Kinder entwickeln kann, wenn die entsprechenden Ressourcen bereitgestellt werden.

Die Einrichtung "Blauer Elefant" und der Dt. Kinderschutzbund als Träger haben ein gutes Sponsoring-Konzept, mit dem manche Aufgaben finanziert und Verwaltungsaufgaben übernommen werden können. Dies ist bei jeder Diskussion um zukünftige Modelle mit in die Überlegungen aufzunehmen.

Spannend für eine konzeptionelle Weiterentwicklung wäre bei dem Beispiel des Blauen Elefanten in Essen-Katernberg der Bereich B1. Eine kleine altersgemischte Gruppe (0,4 - 6 Jahre) wäre ein guter Einstieg in die Schnittstelle Familienbildung. Diese Gruppe gibt es im Blauen Elefanten nicht, und so fehlt auch diese Zielgruppe weitgehend.

Dieses Beispiel zeigt die Grenzen konzeptioneller Weiterentwicklung zum "Haus für Kinder" auf. Eine kleine altersgemischte Gruppe wird es wohl kaum noch geben im Blauen Elefanten8, so dass eine Ausweitung des Angebotes nur unter sich verschlechternden Rahmenbedingungen (über die Budgetvereinbarung nach § 9 (4) GTK) stattfinden kann.

Das Landesjugendamt Rheinland hat mit dem Diskussionspapier "Haus für Kinder" Bausteine für ein zukünftiges Haus für Kinder vorgestellt. Das vorgestellte Modell sollte in zweierlei Sicht erweitert werden.

Hinter einem Fachbegriff steht auch ein Konzept. Nennt man die konzeptionellen Überlegungen "Haus für Familien" - was z.B. mit den Bausteinen "Familienfreizeiten", "Gesprächskreise und Elternfrühstück" oder "begleitende Elternarbeit" schon inhaltlich vorbereitet ist - wird die Weiterentwicklung der Jugendhilfe zu sozialräumlichen Konzepten für die ganze Familie "aus einer Hand" präziser bestimmt.

Der zweite Vorschlag hat gravierende Folgen für die Finanzierung innerhalb der Jugendhilfe. Ein "Haus für Familien" sollte die verschiedenen Finanzierungsleistungen, die für Familien erbracht werden, zusammenführen. Dies hätte zur Folge, dass z.B. Landesmittel aus der Familienbildung in ein solches Konzept einfließen. Kommunale Mittel aus dem Bereich der Erziehungshilfe könnten als "präventive Investition" eingesetzt werden, wobei zunächst Mehrkosten erforderlich wären, die sich aber mittelfristig rechnen werden. Auch Mittel, die für Beratungsstellen verwandt werden, könnten in dieses Konzept eingehen.

Die Fachkräfte der Tageseinrichtungen für Kinder sollen dies nicht noch alles mitmachen. Die vielfältige Fachlichkeit aus den Bereichen von Familienbildung, Erziehungshilfe und Beratung findet ihren Platz in einem "Haus für Familien", getreu dem Leitsatz "Vom Nebeneinander zum Miteinander". Institutionell zuende gedacht bedeutet dieser Leitsatz, dass auch Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen in ein "Haus für Familien" räumlich und personell integriert sind - und nicht nur mit "Sprechstunden vertreten". Bei einem solchen Konzept erübrigt sich die Diskussion um die erforderlichen Qualifikationen für die Tätigkeit und Leitung in einem "Haus für Familien". Erzieherinnen sind in einem Haus für Familien ebenso tätig wie andere Berufsgruppen. Die Leitung des Hauses wird eine in der Jugendhilfe erfahrene Fachkraft mit den erforderlichen Qualifikationen innehaben.

Es gibt einen Bedarf

Die zuvor beschriebenen Modelle spiegeln sich in Ansätzen in der Vielfalt von Tageseinrichtungen für Kinder bereits wider. Daraus lässt sich die Folgerung ableiten, dass es einen Bedarf gibt für Konzepte mit Kindern unterschiedlichen Alters und für eine Öffnung der Institution.
Die konzeptionellen Voraussetzungen und Möglichkeiten von Tageseinrichtungen für Kinder wie

  • Niederschwelligkeit,
  • Raumressourcen (vor allem außerhalb der Öffnungszeiten)
  • Wohnbereichsnähe
  • flächendeckendes Angebot
  • 99% aller Familien mit Kindern im vorschulischen Alter nehmen das Angebot freiwillig (!) in Anspruch

fordern eine Weiterentwicklung der vorhandenen Konzepte der Jugendhilfe geradezu heraus.
Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz hat nicht nur einen enormen finanziellen Mehraufwand für die kommunale Jugendhilfe zur Folge gehabt, sondern nun auch ganz neue Möglichkeiten, Jugendhilfe präventiv umzugestalten. Diese Diskussion sollte aufgegriffen werden, bevor Politik als Reaktion auf die "Pisa-Studie" den Kindergarten zur Bildungseinrichtung erklärt und die Jugendhilfe sich in der reagierenden statt in der gestaltenden Rolle wiederfindet.9

Dies geht nicht ohne eine Diskussion um die Verwendung von finanziellen Mitteln. Die Prioritätendiskussion in der Jugend- und der Familienhilfe ist noch nicht wirklich geführt worden.10 Das "Haus für Familien" kann hierfür eine Leitbild-Idee werden.

Ulrich Braun

1 Zweimal im Jahr treffen sich die Mitglieder des Fachbeirates von Kita aktuell NW, um die Inhalte der Fachzeitschrift zu diskutieren und Anregungen für Artikel und Schwerpunkte zu geben. Jedes Treffen hat ein Schwerpunktthema. In der Herbstsitzung 2001 führte Frau Neagu, Landesjugendamt Rheinland in das Diskussionspapier "Haus für Kinder" ein. Die Diskussion um dieses Papier und Konsequenzen für die künftige Fachdiskussion sind hier in Form eines Fachbeitrages aufgenommen
2 Broschüre " Tageseinrichtungen für Kinder - Diskussionspapier "Haus für Kinder"",. Hrsg. v. Landschaftsverband Rheinland (50663 Köln), Amt für Öffentlichkeitsarbeit, Landesjugendamt, Dezernat 4. Köln 2001. Tel.: 0221/809-0. Im Internet kann es sofort gelesen werden: www.lvr.de - Rund um den Kindergarten - Pädagogische Arbeitshilfen. Dort ist allerdings noch eine andere - frühere handschriftliche - Fassung des Modells "Haus für Kinder" als in der Broschüre zu lesen.
3 Von NRW- Ministerin Fischer verwendeter Begriff, vgl. dazu die Dokumentationen zum "Fachpolitischen Diskurs" des SPI: www.spi.nrw.de
4 Braun, Ulrich: Kompetenzzentrum "Evangelisches Familienhäuschen 2010". Ein (Zukunfts-)Konzept stellt sich vor. In: Kita aktuell NW 10/1999. S. 205-206.
5 Strätz, R. in Kita aktuell NW 7/8 2000, S. 148ff.
6 Braun, U. in Kita aktuell NW 1/2001, S. 17ff.; ähnlich auch M. Verlinden u.a. "Chancen für Familien, wenn ihre Kindertageseinrichtung sich vernetzt" in Kita aktuell NW 2/2000, S. 30ff.
7 Vgl. www.kinderschutzbund-essen.de
8 Vgl. Träger, O.B.: "Gibt´s was Neues? - Tageseinrichtungen für Kinder in NRW im Jahr 2002" in "NRW punktuell" in Kita aktuell 12/2001, S.244.
9 Wie schnell manchmal Beschlüsse getroffen werden, zeigt der Beschluss der SPD-Landtagsfraktion vom 02.10.2001 zur "Offenen Ganztagsschule" (Kita aktuell NW, 12/2001, S. 245-247), nach dem die Betreuung von Schulkindern mittelfristig ganz der Schule zugeordnet werden soll.
10 Kita aktuell NW wird hierzu in der nächsten Zeit Studien vorstellen, die z.B. in den USA und in Zürich zu dem Ergebnis kommen, dass jeder investierte Euro einen Nutzen zur Folge hat, der deutlich über den Investitionen liegt.

 

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