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Die Erziehungskatastrophe in den Kitas
In: Kita aktuell NW, 09/2002, S. 172.

Im letzten Herbst hatte ein Buch über den Zustand der Erziehung viel Aufmerksamkeit erhalten. Die ZEIT-Autorin Susanne Gaschke hat die "Erziehungskatastrophe" (DVA: Stuttgart/München 2001) entdeckt. Auch vor den Kitas hat die Erziehungskatastrophe nicht halt gemacht und so findet sich in dem Buch eine sehr eigene Zustandsbeschreibung von Kitas.

Frau Gaschke will provozieren: "Die Kultstätte der Entfaltung ist die "Matschecke". Sie darf bei keiner Neugestaltung der Spielplatzanlage fehlen. Jeder dürfte unterschiedliche Beobachtungen zu der Begeisterung haben, mit der Kinder sich verordnetermaßen im Matsch wälzen. Bei warmem Wetter mag das ganz nett sein. Es gibt allerdings auch Kinder, denen dieser Entfaltungsmodus zuwider ist; ebenso wie der "Schweinetag", an dem in einer besonders fortschrittlichen Einrichtung grundsätzlich mit den Fingern gegessen wird."(S. 103)

Das mögen persönliche Erfahrungen von Frau Gaschke sein, aber sie repräsentieren die meisten Kitas nicht. Dennoch wird es schwierig, nun genauer in eine Fachdiskussion über Kindergartenpädagogik einzusteigen. Es gibt keine Kriterien über Erfolg oder Misserfolg eines längeren oder kürzeren Aufenthaltes in einer Kita. Susanne Mayer schreibt in der ZEIT (Nr. 45, 2001) über die Qualität in deutschen Kindergärten : "In Deutschland herrschen beliebige Maßstäbe."

Diese Kritik ist nicht einmal falsch. Jedes Team einer Tageseinrichtung für Kinder und jede fachliche Begleitung strickt sich in diesen Tagen ein eigenes "Qualitätsmanagement". Was da drin ist oder dahinter steckt, durchschaut kaum jemand, weder Fachleute noch Eltern.

Das Bild des Kindergartens in der Öffentlichkeit ist nach wie vor von Laternenumzügen, Bastelnachmittagen mit Großmüttern und Sommerfesten auf dem Bauernhof geprägt. Es gibt keinen anderen Bereich sozialer Arbeit, der sich selbst über seine Öffentlichkeitsarbeit so sehr öffentlicher Verniedlichung aussetzt. Noch einmal Gaschke: "Alles ist immer prima im Kindergarten. Die Kinder sind prima, die Aktivitäten sind prima, die Zusammenarbeit mit den Eltern klappt prima, und die Erzieherinnen sind sowieso prima." (S. 93)

Aber ein gewisses Misstrauen bleibt, denn "kann in einer einzelnen pädagogischen Teilrepublik unseres Bildungswesens wirklich alles so wunderbar in Ordnung sein, während alle anderen Institutionen, von der Grundschule bis zur Universität, immer wieder Gegenstand von Krisendebatten sind?" (S. 93f) Wer hat nicht die Klagen der Lehrer im Ohr über die "immer schwieriger werdenden Kinder". Da kann es eigentlich nicht sein, dass bis zum Eintritt in die Schule nichts davon beobachtet wird. Oder doch? Vielleicht ist es auch die Grundschule, die aus selbstbewussten Kindern problematische Kinder macht. Es gibt wenig Erkenntnisse darüber.

Wie sieht die Antwort aus, wenn z.B. gefragt wird:
"Dokumentieren Erzieherinnen kontinuierlich und professionell, was täglich geleistet wird?"
"Stimmen die Ziele, die von Erzieherinnen gesetzt werden, mit dem überein, was tatsächlich stattfindet?"
"Mit welchen Verfahren überprüfen Erzieherinnen die Ergebnisse ihrer Arbeit?"
In anderen Bereiche sozialer Arbeit wie der Jugendberufshilfe oder der Erziehungshilfe ist die Chance groß, auf solche Fragen eine Antwort zu bekommen. Tageseinrichtungen für Kinder stehen hinsichtlich einer solchen "Output-Orientierung" und eines Qualitätsmanagements, das Dokumentation und Evaluation systematisch integriert, noch am Anfang.

Wer professionell Methoden der Dokumentation, der Selbst- und Fremdevaluation und "Ist-Soll-Vergleiche" einsetzt, wird das Handlungsfeld auf Dauer stark machen. Gebraucht werden "Hardfacts", gewonnen aus der täglichen mühevollen und liebevollen Unterstützung, Ermutigung und Begleitung von Kindern.

Ein professionelleres Bild nach außen hätte auch noch eine andere Auswirkung außer der, dass Kitas keine Erziehungskatastrophe mehr angehängt werden würde.

Zukünftig würden Einsparungen wider besseren Wissens vorgenommen. Den gegenwärtigen Einsparungsideen wie SiT-Gruppen statt Horte, Kinder anderer Altersgruppen in Kindergärten statt altersgemischte Gruppen, Schulkindbetreuung an den Schulen statt in Tageseinrichtungen für Kinder wird nicht genug Wissen über das, was verloren geht, gegenübergestellt. Das war auch schon so bei den Einsparungen durch die Reduzierung der Personalstunden am Nachmittag.

Auf Dauer wird der beste Widerstand gegen Einsparungen die Dokumentation von Leistungen sein. Die Dokumentation des Abbaus von Leistungen würde dann ohne Schwierigkeiten möglich sein.

Das führten die kommunalen Erziehungsberatungsstellen vor. Im Entwurf des Landeshaushaltes 2002 waren erhebliche Einsparungen vorgesehen. Es gab dagegen erheblichen Widerstand der Erziehungsberatungsstellen. Sie dokumentierten sehr detailliert, was im nächsten Jahr nicht mehr zu leisten wäre. Das Ergebnis war, dass es keine Einsparungen bei den Erziehungsberatungsstellen gegeben hat.

Hoffentlich wird der Politik bei den vielen geplanten Einsparungen für 2003 in unterschiedlichen Bereichen der sozialen Arbeit, wie z.B. auch wieder im Bereich der Erziehungsberatungsstellen, dokumentiert werden können, was ihre Entscheidungen für Auswirkungen haben könnten. Es mag sein, dass dies Einsparungen nicht verhindert, aber der Politik ist fachlich geantwortet worden und die Folgen der Einsparungen sind politisch zu verantworten.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Tageseinrichtungen für Kinder tun gut daran, von solchen Einsparungsdiskussionen zu lernen: Haben Sie schon Material zusammengestellt, um die Auswirkungen einer Erhöhung der Gruppenstärke von Kindergartengruppen auf 30 Kinder dokumentieren zu können? Sie sollten damit beginnen!

Selbst dann, wenn es bei 25 - 27 Kindern pro Kindergartengruppe bleibt: Haben Sie genügend Argumente vorbereitet, die bei zurückgehenden Kinderzahlen der Forderung einer Absenkung der Gruppenstärke auf 20 Kinder Nachdruck verleihen können? Wer anders als Sie, die sie täglich mit den vielen Kindern zusammen sind, kann darauf angemessen professionell eine Antwort geben?

Fehlende Vorbereitung auf diese Diskussion könnte Ihnen den Arbeitsplatz kosten, denn bei gleich bleibender Gruppenstärke wird in den nächsten 5 - 10 Jahren jeder 5 -6 Arbeitsplatz in der Altersgruppe der Kinder im Rechtsanspruchsalter nicht mehr benötigt werden!

O. Jomaine

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